Theater vom Richtplatz Aarburg

Richtplatztheater steht auf Messers Schneide

Der Verein Theater vom Richtplatz braucht dringend neue Leute, damit der Anlass nicht auch 2018 ausfällt

«Da müsste weiss der Teufel was passieren, dass wir das Theater auch 2018 absagen würden», sagte Heinrich Schöni noch im Herbst. Der Präsident des Vereins Theater vom Richtplatz und seit 25 Jahren selbst Mitglied der Laienschauspieltruppe teilte damals schweren Herzens mit, dass das allzweijährliche Theater nicht wie vorgesehen 2017, sondern erst 2018 aufgeführt werden kann. Dies, weil die Regisseurin und mehrere Theaterleute aus beruflichen und privaten Gründen verhindert sind (wir berichteten).

Nun ist das, was der Teufel offenbar schon wusste, eingetroffen – die Schauspieltruppe sucht dringend nach neuen Mitgliedern. «So, wie wir im Moment aufgestellt sind, könnten wir auch 2018 kein Theater aufführen», sagt Schöni. Anstatt dass sich weitere Personen gemeldet haben, mussten zusätzliche Schauspielende absagen. Die «neun bis elf» Zusagen, die Heinrich «Heini» Schöni bisher hat, reichten für eine Aufführung nicht. «Für ein gutes Freilichttheater-Stück sind mindestens fünf bis sechs zusätzliche Spielerinnen und Spieler nötig.»

Nötig: «Plausch» und Zeit
Seit der ersten Aufführung 1993 hat sich das Theater vom Richtplatz zu einem festen Teil des Kulturlebens im Wiggertal entwickelt. 2018 besteht das Laientheater seit 25 Jahren. Die Laienschauspieler sind stets mit viel Einsatz und Freude bei der Sache und führten schon diverse, meist eher fröhliche Stücke auf. «Gaunerbluet», «Tanz der Vampire», «Der Glöckner von Nôtre-Dame», «An König Arthus’ Hof», um nur einige zu nennen. Laut Heinrich Schöni herrscht eine besonders familiäre Atmosphäre, man könne aufeinander zählen. Als Schauspielerin oder Schauspieler melden könnten sich alle, «die den Plausch am Theater haben». Egal, ob diese bereits Bühnenerfahrung haben, ob sie alt oder jung, aus Aarburg oder sonst woher sind. Freilichttheater zu spielen, sei etwas ganz Besonderes, sagt Schöni. «Wir freuen uns auf jedes Mitglied, das wir herzlich und professionell empfangen dürfen.»

Die wichtigste Voraussetzung ist genügend Zeit. «Bis ein Theater steht, braucht es viele Proben und Vorarbeiten», erklärt Schöni. Ab Oktober soll wiederum zweimal wöchentlich am Abend geprobt werden, ab April 2018 teils auch an Wochenenden. Das fertige Stück – dessen nächstes Thema aufgrund der personellen Unsicherheiten noch nicht feststeht – wird nicht weniger als 13-mal aufgeführt. «Der Aufwand ist gross», sagt Heinrich Schöni, «doch er lohnt sich!» Dass jemand das Spielen bereut hat, habe er in den ganzen Jahren nämlich noch nie erlebt.

Ausfall wäre schwer verkraftbar
Tatsächlich sorgt sich der Präsident um die Zukunft des Theaters. Zwar verfüge der Verein über finanzielle Reserven. Doch fände das Theater vom Richtplatz nach 2017 auch 2018 nicht statt, könnte dies sehr negative Effekte auf die Bekanntheit, die Nachfrage oder auch auf das Sponsoring haben. «Ein längerer Unterbruch ist Gift in unserem Metier», gibt Schöni zu bedenken.

Ohnehin habe es die regionale Kultur heute immer schwerer. Nachwuchs ist nicht nur beim «Richtplatz» dringend gesucht. Gerne würde Schöni auch Insassen des Jugendheims Aarburg mitspielen lassen. Seitens der Institution wäre man nicht abgeneigt, fraglich ist gemäss Schöni aber, ob die Jugendlichen genügend Ausdauer haben. Ein erster Kontakt mit den Heimverantwortlichen hat bereits stattgefunden. Ohnehin helfen die Jugendlichen bei jeder Aufführung beispielsweise beim Bühnenaufbau mit. Zur Belohnung dürfen sie dann jeweils die Hauptprobe der Freilichtaufführung besuchen.

Spagat zwischen Mittelalter und Heute

In der jüngsten Produktion des «Theaters vom Richtplatz» prallen mittelalterliche und zeitgenössische Figuren aufeinander. An König Artus' Hof ist eine irrwitzige Komödie, deren Besuch es sich lohnt.

Das Stück «An König Artus Hof» sei ein irrsinniger Zeitsprung ins Mittelalter und basiere auf dem 1889 erschienenen Roman «Ein Yankee aus Connecticut an König Artus Hof» von Mark Twain, steht im Programmheft. Der Yankee findet sich darin nach einem Schlag auf den Deckel zurückversetzt in das Jahr 528, wo er am Hof des Königs Artus für allerhand Verwirrung sorgt. Soweit folgt das Theaterstück der Idee von Mark Twain. Sybille Heiniger, Autorin und Regisseurin in Personalunion, hat aus diesem Stoff in Mundart einen Spagat zwischen mittelalterlichem, absurdem Aberglauben und neuzeitlichen Verhaltensmustern gemacht, und zwar mit allen Mitteln der Theaterkunst. «Ein Theater machen» bedeutet in der Umgangssprache, auf einen Vorfall überspitzt zu reagieren. Dies geschieht auf dem ehemaligen Richtplatz der Festung Aarburg am laufenden Band und dies mit einer unglaublichen Präzision im szenischen Ablauf und bis zum Rand gefüllt mit witzigen Dialogen und Einfällen. Das Publikum kann sich kaum erholen vom Lachen.

Aberglaube und Zauber im Spiel

Die Premiere am Freitagabend war von Wetterglück begleitet. Der Zauberer Merlin, Berater von König Artus, hätte darin ein gutes Omen für die weiteren Aufführungen gesehen, aber die Wetterprognose sah nächtliche Gewitter voraus und dazu kam es auch. Auf dem Richtplatz war es noch taghell, als Joe und Patty, zeitreisend aus Connecticut kommend, an einem Seil vor König Artus geschleppt wurden. Die beiden wurden ergriffen, weil ihre Kleidung und Manieren so gar nicht in die Normalität des Königreichs passten. Man wollte sehen, was dahinter steckt und zog die beiden aus. Als sie in den Unterhosen dastanden, war das Entsetzen gross, so etwas war abwegig, Joe und Patty schienen Monster zu sein, die zu beseitigen waren. Das Todesurteil stand fest, nur über die Art des Vollzugs am 21. Juni war man sich nicht einig: Vierteilen oder Köpfen, war die Frage. Zauberer Merlin schlug den Scheiterhaufen vor, weil die Hinrichtung am Tag des Feuers stattfinde. Joe fand, etwas stimmt hier nicht, Patty wusste einen Ausweg in dieser von Mythen und Aberglauben beherrschten Situation. Am 21. Juni sei eine Sonnenfinsternis fällig, die Hinrichtung könne dank der Angst des Gerichts vor Zauber verhindert werden. Als der Scheiterhaufen angehäuft wurde, gaben sich Patty und Joe als Magier zu erkennen, die das Sonnenlicht auslöschen können. Weil dies tatsächlich eintraf, waren sie gerettet, Joe wurde zum Ritter und Berater des Königs ernannt.

Sagenhaftes und Reales im Konflikt

Die Inszenierung von «An Königs Artus Hof» glänzt durch ihre Fülle an Regieeinfällen. Genau zur richtigen Zeit setzen mittelalterliche Klangbilder und Fanfaren ein, choreografische Einlagen beleben das Stück, die Erzählerin Dinadan (Cornelia Fluri-Rihm) kommentiert das Geschehen und treibt die Handlung teilweise in gereimter Versform voran, eine hervorragende Besetzung dieser wichtigen Rolle. Immer wieder prallen die Redeweise und das abnormale Verhalten von Patty und Joe mit den Sitten und Regeln am mittelalterlichen Hof zusammen, eine Meisterleistung der Regie wie des Theaterteams. Es kommt zu Szenen mit Zaubertricks und Kampfhandlungen, aber auch solchen, die in Folterungen, Hunger und Unterwerfung die Schattenseiten des Mittelalters im Bann von Aberglauben Mythen und Zauber beleuchten. Hervorzuheben sind auch der Witz und die Treffsicherheit in den Dialogen. Die Spannung erreicht die Qualität eines Thrillers, gleichzeitig aber auch den Unterhaltungswert einer Komödie. Am Schluss möchte König Artus inkognito die Stimmung des Volkes erkunden, verweigert jedoch eine Verbeugung vor der Obrigkeit und wird verhaftet, Wilhelm Tell taucht in der Erinnerung auf. Am Ende versammeln sich die Mitwirkenden vor der Bühne. Patty und Joe erscheinen auf der überdachten Zuschauertribüne und befinden sich ebenso plötzlich wieder in der vertrauten Umgebung wie sie in die mittelalterliche hineingerutscht sind. Wer Hochkultur im Theaterspiel erleben will, sollte eine der nächsten Aufführungen nicht verpassen.


Quelle: Kurt Buchmüller, Zofinger Tagblatt vom 1. Juni 2015

Artus hält Hof hoch auf der Burg

Der Verein «Theater vom Richtplatz» fand auf der Festung die Kulisse zum sagenhaften Stück

Um den legendären König Artus ranken sich zahlreiche Geschichten, die auch in der Literatur und im Film Eingang gefunden haben, noch nie aber in einer Komödie in Schweizer Mundart. Das blieb der Theaterpädagogin Sybille Heiniger vorbehalten, die das Drehbuch geschrieben und auch die Inszenierung und Regie mit dem «Theater vom Richtplatz » übernommen hat. Bei ihr schlüpfen Patty und Joe in die Rolle des zeitreisenden Yankees Hank Morgan. Alle Rollen wie die des Magiers Merlon, des Königs Artus, des Ritters Lancelot, der Edeldamen und Leibeigenen sind mit Ausnahme von zwei neuen Mitgliedern von solchen mit Theatererfahrung aus früheren Aufführungen des «Theaters vom Richtplatz » besetzt. Die Produktionsleitung liegt in den Händen von Heinrich Schöni und Monica Berz. Den Handlungsrahmen für das Leben am Hof des Königs Artus bilden die Bühne auf der Nordseite und die historische Umgebung des Richtplatzes.

Natürlich treten die Akteure in historischer Kleidung auf, auch die musikalische Begleitung ist zeitgemäss mit einem Hauch von Jazz. Im Bühnenbild tritt das Mittelalter mit Folterkammer, Streckbett und Scheiterhaufen in Erscheinung, in den Dialogen stehen Aberglauben, Angst und Magie den Ansichten und Meinungen der neuzeitlichen Generation gegenüber. Mit ihrem Wissen erringen Letztere den Sieg im Wettkampf unter dem Motto «Das grösste Wunder gewinnt». König Artus mischt sich sodann inkognito unter das gemeine Volk, verhält sich aber absolut nicht untertänig. Zusammen mit den Reformern Patty und Joe soll er in Gefangenschaft und Sklaverei gesetzt werden. Das gibt reichlich Zündstoff für aktionsreiche Szenen. Seit Monaten werden sie einstudiert, seit dem 17. März auch auf dem Tatort « Richtplatz ». «Das grösste Problem war die Inszenierung der Sonnenfinsternis», gab Regisseurin Sybille Heiniger zu, wollte aber nicht verraten, wie sie es gelöst hat.

Die Geschichte

1889 erschien Mark Twains satirischer Roman «A Yankee in King Artus Court». Ein typisch amerikanischer Selfmademan erhält darin einen Schlag auf den Kopf und erwacht nach einer Zeitreise zurück im Jahr 528 auf dem Hof des britischen Königs Artus. Wegen seines abwegigen Aussehens und Verhaltens wird er gefangen genommen und zum Tod verurteilt. Da er als aufgeklärter moderner Mensch weiss, dass am Tag seiner Hinrichtung eine Sonnenfinsternis fällig ist, gibt er sich als Magier aus, der die Welt verdunkeln kann. Das macht einen solchen Eindruck, dass er zum Stellvertreter des Königs mit dem Titel «Sir Boss» ernannt wird. An einem Turnier besiegt er die Gegner mit einem Schuss aus dem Colt, ein Wunder in der damaligen Zeit. Ein so kleines Loch in der Rüstung konnte unmöglich tödlich sein. In der Folge führte der Yankee im Königreich unter anderem Telegrafie, Zeitungen und Fahrräder ein, was für weitere Wirbel sorgte.

Quelle: Kurt Buchmüller, Zofinger Tagblatt vom 20. März 2015